Trunkenbolde betreffend .......

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Eine Geschichte zum Nachdenken ... aus der guten alten Zeit.

Wenn man alte Akten in Stadt – oder Gemeindearchiven sichtet, dann stößt man unwillkürlich auch auf Vorgänge, die aus heutiger Sicht skurril erscheinen.

Zum Beispiel die Akte des Amtes Lippspringe: Trunkenbolde betreffend .............

So liest man dann mit Datum vom 15. Januar 1897, dass auf Vorladung bei der Amtsverwaltung in Lippspringe der Mauerer XY erschien, der eine dem Trunke ergebene Person sei und „dieserhalb“ ernstlich ermahnt wurde. Weiter heißt es dann weiter, „ Es wurde demselben mitgetheilt, dass im Wiederholungsfalle er für einen Trunkenbold erklärt , den Wirthen auf Grund der Ober =Präsidal= Verfügung vom 20. September 1841 als solcher bezeichnet werde und dann sämtliche Wirthschaften zu meiden habe“.

Da sich der Mauerer XY an diese Abmachung nicht hielt und der Polizeidiener Schröder mit Datum vom 29. April 1897 von der Ehefrau benachrichtigt worden war, daß ihr Mann dem Brantweingenuß weiter nachging und sie dann sogar schlage, meldete dieser das dem „Hochwohlgeborenen Amtmann“ und es wurde dann folgende Verfügung erlassen:

„Mit Datum vom 30. April 1898 wird der Nebenbezeichnete , da er im Wiederholungsfalle betrunken gewesen ist, so ist gegen denselben eine schriftliche Verfügung zu erlassen, daß er „ für die Dauer von 1 Jahre als eine dem Trunke ergebene Person erklärt sei und deshalb für diese Zeit sammliche Wirthschaften zu meiden habe. Gleichzeitig ist derselbe den Schankwirthen des Bezirkes als Trunkenbold zu bezeichnen unter ausdrücklicher Hinweisung der Wirthe auf die Vorschriften der Ober=Präsidial=Verordnung vom 20. September 1841, gemäß

welcher diejenigen Schankwirthe, welche einem von der Ortspolizeibehörde ihnen als Trunkenbold bezeichneten Individuum Branntwein zu verabreichen fortfahren oder demselben auch nur den Aufenthalt in der Gaststube gestatten in eine Polizeistrafe von 6 bis 15 Mark genommen und bei wiederholt bewiesener Nachlässigkeit gegen die in dieser Beziehung auferlegten Pflichten mit Entziehung der Conzession bestraft werden sollen.“

Nun mußte der Polizeidiener alle in dem Bezirk liegenden Gaststätten und Colonialwarenläden, die Branntwein verkaufen, von dieser Verfügung Mitteilung machen. Der Amtmann hatte ferner angeordnet, daß die Aushändigung dieser Verfügung von den Wirten zu bescheinigen sei.

Doch aus der Akte ist zu erfahren, daß der „Trunkenbold“ es immer wieder – wie der Polizeidiener berichtete:

„ im alkoholisierten Zustand immer zu Ärger Anlaß bot“.

Wie er an den Branntwein käme, könne er auch nicht sagen. Nun blieb der Obrigkeit nur noch das Mittel – so Amtmann Mersmann zu Lippspringe – ihn in eine Anstalt einzuweisen.

Diese war nach etlichen Bemühungen dann auch gefunden .

Man wies den Maurer XY in die Heilanstalt Bernardshof bei Maria – Veen ein.

Ob der „Trunkenbold“ von seinem Leiden nun geheilt wurde, darüber schweigen die Preußischen Akten des Amtmann Mersmann zu Lippspringe.

Sicher erweckt ein derartiger Vorfall aufgrund der Verfahrensweise und auch wegen seines aus dem allgemeinen Sprachgebrauch weitgehend verschwundenen Vokabulars beim heutigen Leser eine gewisse Heiterkeit. Macht man sich dann aber klar, welche Ausmaße Alkoholmißbrauch und Alkoholismus mittlerweile in allen Schichten unserer Gesellschaft angenommen haben, dann drängt sich die Frage auf, ob das damalige Verfahren der Behörden, wirklich so abwegig und erheiternd war, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag.

 

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